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Berge LaviaWir haben die erste Abrechnung der „Seltsam ist das neue Schön“-Produkte bekommen und unser Gewinn aus Euren T-Shirt- und Tassen-Käufen betrug exakt 222,- Euro. Was für eine fröhliche Zahl!
Tommy und ich haben aufgestockt auf 300,- und an die Lavia Trauerbegleitung überwiesen.

Vielen, vielen Dank an all die lieben Menschen, die mich (und damit Lavia) unterstützt haben! Ich bin tief berührt und kann kaum beschreiben, was für ein wunderschönes Gefühl es war auf der Ferngespräch-Con tatsächlich Menschen mit Nadines Spruch auf dem Shirt zu sehen.

Dass nun so eine ordentliche Summe für Lavia zusammengekommen ist, freut mich sehr. Vielleicht wird Mechthild uns sogar erzählen können, welchen Teil ihrer Arbeit wir mit dieser ersten Spende unterstützen konnten.

Ich möchte Euch ans Herz legen, Mechthild Schröter-Ruhpieper auf Facebook und Instagram zu folgen, denn sie verfasst regelmäßig sehr kluge, herzliche und berührende Postings, in denen sie anschaulich beschreibt, weshalb Trauerbegleitung so wichtig ist.

Im Folgenden findet Ihr beispielhaft drei Postings von Mechthild, die ich mit ihrer Erlaubnis hier teilen darf.

Folgen könnt Ihr Mechthild übrigens hier:

https://www.facebook.com/LaviaFamilientrauerbegleitung

https://www.instagram.com/mechthildschroeterrupieper/

 

Versprechen am Sterbebett

Die alleinerziehende Mama der 8jährigen Renée wurde mit Bauchschmerzen ins Krankenhaus eingeliefert. Drei Tage später liegt sie im Koma, die Ärzte sagen der Familie, dass die Mutter sterben wird. Wir sitzen im Wartebereich der Intensivstation, das Mädchen erfährt erst dort im Beisein der Oma und mir von der Tante, "... dass die Mama so krank ist ..., also, so ganz feste krank ist - so..." die Tante nimmt immer wieder Anlauf, die traurige Tatsache auszusprechen, als das Mädchen anfängt zu weinen, um dann den Satz mit einer Frage zu beenden: "...dass sie stirbt?" Und dann fährt sie mit einer weiteren Frage fort: "Ist meine Mama schon tot?"

Nein, Mama ist nicht, noch nicht, tot. Und jetzt ich spreche darüber, dass Renèe in aller Traurigkeit auch ein bisschen Glück hat, weil sie die Mama noch einmal besuchen darf. Auch sehen darf, dass die Mama wirklich ganz feste krank ist. "Denn das ist doch gar nicht zu glauben, oder?"

Das Mädchen schüttelt den Kopf. Und nickt. Nein, ja, alles durcheinander. Aber sie darf der Mama noch einmal "Tschüss" sagen und, wenn es möchte, ihr auch noch einen Brief schreiben. Oder etwas malen?

"Nein, lieber schreiben."

"Wenn wir gleich zu Mama hin gehen, dann liegt sie in dem Zimmer in einem Krankenbett. Die Mama wird beatmet, das heißt, sie hat einen Schlauch, der in ihren Mund reingeht. Das sieht etwas komisch aus, aber weißt du, es ist gut, dass Mama Sauerstoff durch den Schlauch bekommt, denn ohne das würde es ihr viel, viel schlechter gehen. Ich finde, dann soll man lieber etwas komisch aussehen und dafür besser Luft bekommen, als dass man schön aussieht und nicht genug Luft bekommt, oder?"

Renèe nickt.

Wir sprechen auch darüber, dass die Mama durch Wassereinlagerungen etwas verändert aussieht - aber auch dafür kann sie nichts. Aber die Mama, egal wie sie aussieht, ist immer noch die Mama. Eine liebe Mama? Renèe nickt. "Ganz ganz lieb", sagt sie.

Und dann stehen wir am Krankenbett, Oma und Tante sind nicht mitgekommen. Nein, sie wissen nicht ob ... vielleicht später ...

Die Ärztin, Renèe und ich stehen bei der Mama vor dem Bett.

Erst ist es ganz still im Raum, man hört nur die Geräusche der Maschinen.

Das Kind betrachtet die Mama - interessiert. Ich bitte die Ärztin, noch einmal die Geräte im Raum, die Funktion und Nutzen, zu erklären. Das macht die Ärztin so ruhig und liebevoll.

Renèe geht jetzt ganz nah an die Mama ran, beugt sich über den Kopf und sagt dann: "Du, Mama! Auch wenn du gar nicht mehr so schön aussiehst, aber ich habe dich trotzdem ganz lieb! Und wenn du tot bist, dann besuche ich dich immer auf dem Friedhof, jeden Tag! Und ich mache auch immer meine Hausaufgaben und ich räume auch mein Zimmer auf..."

Abgesehen vom Friedhofsbesuch erklärt die Tochter der Mutter alle Sachen, über die sich Mütter im Leben vermutlich meist freuen würden - mit dem Wissen, dass "immer" nicht unbedingt "immer" sein wird.

Ich gehe - mit dem Wissen darum, dass Versprechen am Sterbebett eine ganz hohe Wertigkeit haben und später bei Nichterfüllen Schuldgefühle auslösen können - in das Gespräch rein und sage: "Ich glaube, dass es für Mamas auch ok ist, wenn man mal einige Tage oder Wochen oder auch länger mal nicht zum Friedhof geht, weil es vielleicht grade nicht passt. Und Mamas wissen bestimmt auch, dass Zimmer aufräumen oder Hausaufgaben machen nicht immer so klappt, wie man das möchte. Was meinst du?" Renèe überlegt kurz und nickt dann. "Aber ich werde dich immer lieb haben", sagt sie dann mit einer großen Bestimmtheit zur Mama. Und natürlich mische ich mich bei diesen Worten nicht ein.

Dann sitzt das Mädchen am Tisch und schreibt mit großen Buchstaben einen Brief. Die Ärztin dreht sich zur Tür hin, ihr laufen Tränen runter.

Das ist ihr unangenehm. Ich gebe ihr einige Taschentücher - wenn ich etwas habe, dann sind es diese, packungsweise. Sie entschuldigt sich für die Tränen. Später höre ich, dass sie ihre Reaktion für unprofessionell hält.

Schon verrückt, oder? Ich finde, diese Ärztin ist fachlich fit, empathisch, herzlich und menschlich. Von Unprofessionalität entdecke ich kein Fitzelchen. Warum sollten Tränen unprofessionell sein?

Renèe schiebt mit Hilfe den Brief unter Mamas Kopfkissen. Dann fängt sie auf einmal an zu weinen und erklärt abermals der Mutter ihre Liebe. Ich halte sie am Rücken, gebe ihr ein Taschentuch, die Tränen werden wieder weniger. "Hört Mama mich?" fragt sie die Ärztin. Diese nickt, kann grade nicht sprechen. Dann erzählt Renèe der Mama noch einmal, dass sie diese auf dem Friedhof besuchen wird und dann möchte sie gehen und wieder bei der Tante und der Oma sein.

Die beiden haben mittlerweile Mut gefasst, die Tochter und Schwester ebenfalls noch einmal zu besuchen - das Mädchen hat es ihnen vorgemacht, dass es machbar ist. Renèe will nicht mehr mitgehen, sie möchte jetzt im Wartebereich ein Bild malen.

Als die Oma und Tante wiederkommen, sind sie verweint, aber ruhiger als zuvor. „Komm, wir fahren jetzt zu eurer Wohnung und holen noch ein paar Sachen, die du noch brauchst. EIne warme Jacke auf jeden Fall“, sagt die Tante.

Wir verabschieden uns und ich verabrede ein Telefonat für später, um von dem Versprechen am Sterbebett zu erzählen. Dort weise ich Oma und Tante darauf hin, dass sie das nicht verstärken sollen. Die beiden verstehen, warum.

Das ist gut und so vielen großen und kleinen Menschen zu wünschen, dass man bedenken und besprechen kann, dass Worte, selbst am Sterbebett gesprochen, nicht in Stein gemeißelt sind.

Trauerarbeit wird nicht von Krankenkassen refinanziert.

Wer bei unserer Spendenaktion "1-Euro-Spende monatlich" mitmachen möchte, um unsere Familientrauerarbeit, und damit auch Begleitungen wie diese, dauerhaft zu unterstützen, kann gerne auf unser Paypalkonto http://bit.ly/LaviaPayPal oder auf den Flyer https://www.lavia.de/.../2020/02/Lavia-Faltblatt-gGmbH.pdf zurückgreifen.

Danke!

Von ❤️!

(Text von Mechthild Schröter-Ruhpieper)

 

„...und Papa nimmt meine Hand.“

Nadia ist acht Jahre alt, ihr Papa starb vor einem halben Jahr.

„Haha! Du hast keinen Papa mehr, ich habe aber noch Papa und Mama!“ sagen manche Kinder aus ihrer Klasse.

„Weißt du?“ sagt Nadia, das kleine marokkanische Mädchen. „Weißt du? Ich hör‘ gar nicht hin, wenn sie das sagen. Ich geh‘ auch alleine zur Schule. Obwohl ich nicht alleine bin. Ich hab immer irgendwie das Gefühl, dass mein Papa bei mir ist. Und dann mache ich so.“ Sie hält ihren Arm nach unten und krümmt etwas die Hand und fährt fort: „Ich nehme ihn dann an die Hand. Und Papa nimmt meine Hand.“

„Geht er vom Gefühl bis zur Schule mit und in die Klasse hinein, oder bleibt er draußen auf dem Schulhof stehen?“ frage ich.

Nadia überlegt. „Nein, er kommt mit in die Klasse rein“, sagt sie. Und später sagt sie: „Ich komm schon damit klar, dass die anderen so komisch zu mir sind.“

Sie wirkt dabei so vernünftig, älter, als sie ist. Ihrer Mama hat sie davon noch nichts erzählt, sie möchte sie nicht traurig machen.

Vernunft bedeutet eigentlich etwas anderes, aber das weiß sie noch nicht. Nadia ist erst acht Jahre alt.

Familientrauerbegleiterinnen von LAVIA und Christian Krause mit seinen Therapie-Ponys begleiten Nadia und ihre 3 Schwestern. Es gibt noch immer viel zu tun, auch in Nadias Schulklasse.

Genau diese Umfeldarbeit macht unsere Familientrauerarbeit aus.

„Darf ich das fotografieren, wie du deinen Papa an die Hand nimmst und davon weiter erzählen, damit andere Kinder das auch hören und wissen, anderen geht es manchmal ähnlich wie dir?“ frage ich.

„Ja“, sagt sie. Dann schauen wir uns das Foto gemeinsam an.

Die Aufmerksamkeit tut ihr gut. Irgendwie. Und wir zeigen das Bild auch ihrer Mama und erzählen ihr davon.

(Text von Mechthild Schröter-Ruhpieper)

 

Wäre es mein Kind gewesen …

Nach einem Schulbesuch gemeinsam mit einem Polizisten stehe ich etwas später noch mit ihm zusammen.

"Respekt!", sagt er zu mir.

"Das, was Sie machen und aushalten müssen, immer zum Thema Tod und Trauer, das könnte ich nicht!"

"Dito!", sage ich zu ihm. "Ich finde, Ihre Arbeit, wenn sie gut gemacht ist, ist nicht weniger einfach. Allerdings glaube ich, dass ich oft mehr Anerkennung für meinen Job erhalte als Sie. Und so verallgemeinernde Anfeindungen Polizisten gegenüber finde ich unfair und zusätzlich erschwerend in ihrer oft nicht einfachen Arbeit."

"Trotzdem ist es anders", reagiert er. "Diese Traurigkeit, die Sie fast ständig erleben, wie können Sie damit umgehen? Ich denke ab und zu an den Grundschuljungen, der in meinen Armen nach einem Verkehrsunfall gestorben ist. Er war 9 Jahre alt. Ich habe an der Strasse auf der Bürgersteigkante mit ihm gesessen, mit ihm geredet. Ich weiß nicht, was er noch hören konnte. Er war voller Blut. Mein Gott, manchmal habe ich sein Gesicht vor Augen ..."

Dieses Bild berührt mich. Nein, nicht das Blut, das ist es nicht. Was mich berührt, ist dieser Polizist, der das Kind im Arm hält. Was mich berührt ist, dass dieses Kind im Sterben in nicht allein war.

Wäre es mein Kind gewesen, wie dankbar wäre ich darum zu wissen, dass ein Mensch dort war, wo ich als Mutter nicht sein konnte.

Ein Mensch, der mein Kind gehalten hat. Trotz Blut, trotz Verletzung, trotz vielleicht Angst. Jemand, der für mein Kind DA war ...

"Könnte Ihnen der Gedanke helfen, nicht zu denken, wie schrecklich es war, dies erleben zu müssen, sondern zu sagen: "Wie gut, dass ich an diesem Tag Dienst hatte?  Dass nicht ein unsicherer Kollege an ihrer Stelle da gewesen ist, der sich neben den zweiten Polizisten gestellt hätte, der notwendigerweise den Verkehr regeln musste, um auf die Rettung zu warten?“ frage ich den Polizisten.

Er nickt. Daran hatte er noch bisher nicht gedacht.

Was ich mir wünsche, ist, dass die Eltern des Jungen erfahren, dass es da in aller Traurigkeit zum Glück einen Polizisten gab ...

Und ich wünsche mir, dass Menschen in verantwortungsvollen und anstrengenden Berufen, die oft eine gute Arbeit machen, gesehen werden - und das man nicht respektlos über sie spricht.

Wie gut könnte das alles sein in all dem, was schwer ist …

(Text von Mechthild Schröter-Ruhpieper)

 

Es ist mir nicht leicht gefallen eine Auswahl zu treffen aus Mechthilds Geschichten. Am liebsten hätte ich ALLE mit Euch geteilt. Aber Ihr könnt Euch ja selbst ein Bild machen, indem Ihr Mechthilds Profile bei Facebook oder Instagram anschaut.

Spenden könnt Ihr übrigens nicht nur indirekt indem Ihr „Seltsam ist das neue Schön“-Shirts und/oder -Tassen kauft, sondern auch ganz einfach hier:

https://www.lavia.de/zweckgebundene-spenden/

Ich danke Euch für Eure Zeit und wünsche Euch von Herzen einen im wahrsten Sinne des Wortes wundervollen Tag!